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Das literarische Experiment von Cesare Pavese und Bianca Garufi

„Großes Feuer”, der 1959 veröffentlichte Roman von Cesare Pavese und Bianca Garufi, ist ein Buch, wie ich es noch nie zuvor gelesen habe.

Das literarische Experiment von Cesare Pavese und Bianca Garufi

Ich weiß nicht mehr genau warum habe ich mich entschieden habe „Großes Feuer“ zu lesen. Vermutlich, weil es ein wiederentdeckter Roman ist, der lange in Vergessenheit geraten war. So etwas spricht mich immer an.  Warum aber ist “Großes Feuer” von Cesare Pavese und Bianca Garufi lange in Vergessenheit geraten? Vielleicht, weil es ein Manuskript ist, das erst 13 Jahre nach seiner Entstehung in 1946 veröffentlicht wurde. Oder vielleicht liegt es an der Handlung, die auf den ersten Blick schlicht erscheint, aber dennoch eine eigentümliche Spannung in sich trägt, als würde sie etwas verbergen, das sich erst nach und nach erschließt. Wie auch immer es sei, es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, denn es ist so anders als das, was man heute sonst im Buchladen findet.

„Großes Feuer”, worum geht’s?

Die Handlung in dem Buch scheint auf dem ersten Blick schlicht. Ein Mann und eine Frau fahren zu einem sizilianischen Dorf und versuchen, die Rätsel der Vergangenheit zu entschlüsseln. Silvia ist einst vor ihrer Vergangenheit geflohen und hat mehr als zehn Jahre lang versucht, mit dem klarzukommen, was damals in ihrem Heimatdorf Maratea geschah, als sie noch ein junges Mädchen war. Vor kurzem hatte sie eine Beziehung mit Giovanni, doch jetzt ist sie von ihm getrennt. Als sie eine dringende Nachricht aus Maratea erhält, die sie zurückruft, bittet sie Giovanni, sie zu begleiten. Die vermeintlich einfache Handlung entfaltet sich so als eine dichte Erkundung von Begehren, Schuld und der Unmöglichkeit eines echten Neuanfangs.

Das Besondere an diesem Roman ist seine Struktur: Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt – jedes Kapitel wechselt zwischen Giovannis und Silvias Sichtweise. Cesare Pavese und Bianca Garufi schrieben das Buch in einer Art literarischer Korrespondenz, wodurch eine fragmentierte Erzählweise entstand. Die elf Kapitel greifen ineinander, überschneiden sich oder lassen bewusst Leerstellen, die die Leserin selbst füllen kann.

Menschen und Zeit

In “Großes Feuer” gibt es keine klare Trennung zwischen Vergangenheit und Gegenwart – die Erinnerungen drängen sich unaufhaltsam in den Moment, als wären sie nie vergangen. Silvia und Giovanni bewegen sich zwar durch reale Räume, doch ihre Gedanken verweilen oft in der Vergangenheit, sodass die Zeit fast stillzustehen scheint. Die Erzählung spielt mit dieser zeitlichen Unbestimmtheit, indem sie Momente der Erinnerung so unmittelbar schildert, dass sie für die Figuren und die Leserin gleichermaßen greifbar werden.

Die Reise nahm kein Ende, und bei unserer Ankunft war es schon fast dunkel, und das Haus wirkte größer in der Farbe des Abends, und mit einem Schlag spürte ich, als wären nicht zehn Jahre vergangen, die Angst, zu dieser Zeit noch draußen zu sein, denn es war Abendessenszeit, und zu hause saßen sie vielleicht schon bei Tisch, und meine Mutter würde mich auf ihre übliche Art ansehen.

Die Emotionen liegen dabei stets dicht unter der Oberfläche. In den Dialogen lauern alte Verletzungen, in den Blicken spiegelt sich das Ungesagte. Das Buch entfaltet eine intensive, fast körperliche Nähe zu den Gefühlen der Figuren – als ob die Vergangenheit nicht nur eine Erinnerung, sondern eine spürbare Präsenz wäre, die jederzeit wieder Besitz von ihnen ergreifen kann. Wenn Silvia an ihre Freundin, Flavia, die Geschichte ihrer Vergangenheit erzählt, ist diese Zeit wie Blut in ihrem Körper:

Es war Flavia, der ich in jener Nacht, in der wir redeten, die ganze Geschichte erzählte, und es herrschte schon die Kühle und das Licht in der Frühe, und als ich schließlich schwieg, war es, als wäre ich verblutet.

Dorf und Meer

Im Roman von Cesare Pavese und Bianca Garufi sind das Meer und das Dorf am Meer eine lebendige Präsenz, die das Geschehen beeinflusst. Die Atmosphäre ist dicht und spürbar, als ob das Leben am Meer eigene Gesetze hat, die den Figuren unbewusst Grenzen setzen. Silvia versteht diese besondere Dynamik, sie spürt, dass die Landschaft nicht nur Hintergrund ist, sondern Teil ihrer eigenen Geschichte. Giovanni hingegen bleibt ein Beobachter. Er sieht die Schönheit des Ortes, er nimmt das Rauschen der Wellen, die salzige Luft und das flirrende Licht wahr – doch er begreift nicht, was all das für Silvia bedeutet.

Bevor Giovanni Maratea besucht, hat er bereits eine Vorstellung von den imposanten Felsen am Meer, von denen Silvia ihm erzählt hat. Er hat sich immer gewünscht, sie zu sehen – und genau das tut er, schon am Tag nach ihrer Ankunft.

Ich ging zwischen Gestrüpp und Reihen von Feigenbäumen: Alles an diesem Landstrich, sein Geruch und sein harter Glanz, störte mich, stieß mich ab. Ich betrachtete ihn mit gefühlloser Neugier, weiter nichts.


Was ich an diesem Roman an schönsten fand, ist der Wechsel der Perspektiven zwischen Giovanni und Silvia. Silvias Stimme ist sanft und rückblickend, während Giovannis Stimme ist stark davon geprägt, wie er Silvia wahrnimmt. Doch das eigentlich Spannende ist, dass diese zwei Stimmen nicht von einem einzigen Autor erschaffen wurden, der sich in beide Figuren hineinversetzt hat. Sie gehören zwei verschiedenen Autoren – Cesare Pavese und Bianca Garufi. Dieses literarische Experiment ist ihnen beeindruckend gelungen und macht “Großes Feuer” zu einer einzigartigen Leseerfahrung.

Diana Avatar

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