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Fragen, die „Der Vorleser“ stellt

Auch dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink ein Roman der Fragen, nicht der Lösungen.

Fragen, die „Der Vorleser“ stellt

 „Der Vorleser“, der 1995 erschienene Bestseller von Bernhard Schlink, stand lange auf meiner Liste der „irgendwann zu lesenden“ Bücher. In Deutschland kennt ihn man ja aus dem Schulunterricht, ich hatte ihn sogar zu Hause liegen, ein Relikt aus den Schulzeiten meines Mannes. Doch wie so oft mit Büchern kam seine Zeit erst, als mein Buchklub ihn auswählte. Die Leseerfahrung war aber für mich eine andere, als ich erwartet hatte. Ich dachte, es gehe um einen Mann und seine Geliebte, die sich später als NS-Verbrecherin entpuppt. Doch so einfach lässt sich dieses Buch nicht lesen. Es gibt wenige Antworten und zahllose Fragen. Streckenweise wirkt es wie ein Essay über die Wirkung der Geschichte, dann wieder wie die Geschichte einer ungewöhnlichen, vielleicht sogar problematischen Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem Jungen. Beide Ebenen greifen ineinander und stellen Fragen nach Macht und Abhängigkeit, nach Schuld und Wegsehen, nach persönlichen Werten und gesellschaftlicher Verantwortung.

„der Vorleser“ von bernhard schlink – worum geht’s

Die Geschichte wird von Michael Berg erzählt. Als Erwachsener blickt er auf seine Beziehung zu Hanna Schmitz zurück, der Frau, die ihm als Jugendlichem hilft, als ihm eines Tages auf der Straße schlecht wird. Hanna ist zwanzig Jahre älter als Michael, und die kurze Beziehung, die sich über einen Sommer erstreckt, hinterlässt lebenslange Spuren. Michael entdeckt, dass Hanna es liebt, vorgelesen zu bekommen, und seine Liebe zu ihr entwickelt sich parallel zu seiner Liebe zu Büchern und den großen Klassikern. Doch Hanna verschwindet plötzlich. Erst acht Jahre später sieht Michael sie wieder, als Angeklagte in einer NS-Gerichtsverhandlung. Ab diesem Moment sprengt der Roman den Rahmen einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte und stellt Fragen nach Schuld, Scham und Verantwortung im historischen und gesellschaftlichen Kontext.

wo liegt die Macht in der Beziehung zwischen hanna und michael?

Eines is Hanna, die in der Küche die Strümpfe anzieht. Ein anderes ist Hanna, die vor der Badewanne steht und mit ausgebreiteten Händen das Frottiertuch hält. Ein weiteres ist Hanna, die Fahrrad fährt und deren Rock im Fahrtwind weht. Dann ist da das Bild von Hanna im Arbeitszimmer meines Vaters.

Für mich, persönlich, war schwierig das Buch einzuordnen. Einer der Themen, die mich beschäftigt haben war die Macht in der Beziehung zwischen Hanna und Michael, und wo sie liegt. Hanna ist älter, körperlich überlegen, bestimmt die Regeln ihrer Begegnungen und kontrolliert Nähe wie Distanz. Michael ist jung und an sie abhängig. Doch diese Ordnung beginnt zu kippen, sobald man erfährt, dass Hanna nicht lesen und schreiben kann.  Michael entdeckt das erst bei der Gerichtsverhandlung. Hanna nimmt lieber eine schwere Schuld auf sich, als ihre Analphabetismus offenzulegen, während Michael schweigt, obwohl er ahnt, was auf dem Spiel steht. Auch Jahre später bleiben seine Erinnerungen an Hanna von Ambivalenz geprägt. Michael spurt Zuneigung, sowohl als Scham, Gefühle die über die Jahre wachsen und sich vertiefen. Fast 30 Jahre später, als sie sich wiedersehen, ist er Universitätsprofessor und sie eine alte Frau, die für ihre Schuld noch bezahlt. Aber Michael kann sich von ihr nicht befreien. Er ist immer noch “das Jungchen” geblieben, der für seine Geliebte vorliest und in seinem Kopf mit der Realität der Welt nicht klarkommen kann.

Aber Hanna ist stumm, ihre Stimme hören wir selten. Die Geschichte wird erzählt und kontrolliert von Michael, der zugibt dass “die geschriebene Version wollte geschrieben werden, die vielen anderen wollten es nicht”. Wie sehr er Hannas Figur nutzt, um über an die Verantwortung der Nachgeborenen gegenüber den NS-Verbrechen nachzudenken, und wie sehr dieses Buch ein Ruf nach Vergebung ist, bleibt für mich offen.

ist hanna Täterin, Opfer oder…?

Die zweite große Frage des Romans ist für mich Hanna selbst. Im ersten Teil erscheint sie als selbstbewusste, unabhängige Frau, die bewusst eine Beziehung mit einem Jungen eingeht. Beim Lesen hatte ich nicht das Gefühl, dass das Buch diese Beziehung eindeutig als „falsch“ verurteilt. Sie wirkt vielmehr wie ein Grundstein für Michaels späteres Leben, für seine Entscheidungen und seine emotionale Entwicklung. Im Gerichtssaal jedoch zeigt sich eine andere Facette von Hanna. Von außen betrachtet ist sie Analphabetin,und darüber hinaus, jemand, die moralische und rechtliche Fragen kaum reflektiert. Auf die Vorwürfe des Anwalts reagiert sie mit dem Satz: „Wir hätten sie doch nicht einfach fliehen lassen können! Wir waren doch dafür verantwortlich…“ Ich habe das Gefühl, dass das Buch uns als Leserinnen und Leser auffordert, diese beiden Ebenen miteinander zu verbinden, ohne zu sagen, wie. Hanna ist Täterin, weil sie Teil eines mörderischen Systems war. Sie ist Opfer, weil ihre Bildungsarmut keine Handlungsspielräume erlaubt. Es scheint fast, als brauche man Bildung, um überhaupt einen moralischen Kompass entwickeln zu können. Aber zu ihrem Inneren haben wir keinen Zugang, und Bildung garantiert keine Moral. Hanna ist schuldig, ohne einfach böse zu sein, und verletzlich ohne es als Ausrede zu nutzen. Unauflösbar.

persönliche Werte oder gesellschaftliche Verantwortung?

Ich liebe unseren Buchklub aus vielen Gründen, aber der wichtigste ist, dass dort unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Lebenserfahrungen zusammenkommen. Dieses Buch, das für mich unauflösbar bleibt, war für einen Teilnehmer ganz klar. Für ihn stellt der Roman persönliche Werte gegen gesellschaftliche Verantwortung, und die persönlichen Werte gewinnen. Besonders deutlich wird das in der Gerichtsverhandlung, als Hanna lieber die gesamte Schuld auf sich nimmt, als sich als Analphabetin zu offenbaren. Ihr Geheimnis zu schützen ist ihr wichtiger als die Wahrheit über die Tat. Doch Michael weiß, dass das Urteil auf einer Lücke beruht, und schweigt trotzdem. Persönliche Loyalität, Scham und Selbstschutz setzen sich über Verantwortung hinweg. Der Roman zeigt auch Michaels Entscheidung ganz deutlich. Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob persönliche Werte oder gesellschaftliche Verantwortung wichtiger sind, sondern wie oft wir Ausreden suchen, um uns vor Verantwortung wegzusehen.

Diana Avatar

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